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Als die verheerende Tsunami-Flutkastatrophe zu Ende des Jahres 2004 über Indien hereingebrochen war, hatte die Aktion Kleiner Prinz
zunächst kein konkretes Projekt vor Ort, für das die Spenden sofort und effektiv umgesetzt konnten.
Da erreichte uns gut zwei Wochen nach der Katastrophe, am 6. Januar 2005, eine E-Mail von S. Maria Victor aus Südostindien, in der uns
dieser um Unterstützung für den Bau eines Waisenhauses für die Tsunamiopfer bat. Wir fanden durch unsere Recherchen heraus, dass er Kontakt
mit dem Verein „Freunde indischer Kinder in Hagen a. T. W.“ hatte, der bereits Pateneltern für indische Waisenkinder vermittelte. Pfarrer
Victor hat einige Jahre in Bayern als Priester gearbeitet und spricht Deutsch.
Er ist Leiter der öffentlichen, wohltätigen indischen Stiftung NEST (Navadeepam Educational Social Trust), die sich ausschließlich aus
Spenden finanziert. Voraussetzung für die Übernahme und Adoption der Kinder durch NEST war der Nachweis, dass langfristig für ihren
Lebensunterhalt gesorgt wird. Die Aktion Kleiner Prinz und die „Freunde indischer Kinder in Hagen a. T.“ stellten den Behörden die
entsprechenden Zusicherungen zur Verfügung.
Kinder, die ihre Eltern verloren und keinerlei familiären Schutz mehr haben, sind in Indien in höchstem Maß gefährdet. Sie werden meist zu
Opfern von skrupellosen Ausbeutern, die sie zu Kinderarbeit, Zwangprostitution u. ä. missbrauchen. Staatliche Fürsorge ist dort so gut wie
unbekannt.
Pfarrer Victor überzeugte uns davon, dass den jungen Tsunamiopfern am wirksamsten durch den Bau eines Waisenhauses geholfen werden konnte.
Wir sagten unsere Hilfe für die finanzielle Unterstützung bei der Errichtung eines Heims für 65 Kinder zu.
Bis Ende des Schuljahres 2005 lebten diese Kinder noch in den elenden Behelfsunterkünften der Küstenorte südlich von Madras, im Mai konnten
sie dann den (allerdings erst halbfertigen) Neubau in der Kleinstadt Lalgudi im Landesinneren Südostindiens beziehen. Ende 2005 wurde das
zweistöckige Gebäude mit dem Namen „Good Shepherd Home“ (Haus des Guten Hirten) nach nur zehnmonatiger Bauzeit endgültig fertig gestellt.
Am 26. Januar 2006 fand die Einweihungsfeier in einem festlich-fröhlichen Rahmen und in Anwesenheit der AKP-Mitglieder Margret und Dieter
Grothues statt. Sie erlebten einen überwältigenden Empfang und nahmen von Pfarrer Victor den herzlichen Dank für die Hilfe der Aktion Kleiner
Prinz entgegen.
Die 65 Mädchen und Jungen zwischen 5 und 15 Jahren sind in dem schönen neuen Heim gut untergebracht und scheinen sich wohl zu fühlen. Sie
erhalten dort Zuwendung, regelmäßige, ausreichende Mahlzeiten, Kleidung, medizinische Betreuung und nicht zuletzt eine solide Ausbildung,
die auch in Indien der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist.
Geborgenheit, Sicherheit und eine hoffnungsvolle Lebensperspektive werden dazu beitragen, ihnen auch bei der Bewältigung ihrer traumatischen
Erlebnisse zu helfen. Für ihr Wohl sorgen sieben Angestellte – unter ihnen einige Witwen, die durch den Tsunami alles verloren haben.
Der Tagesablauf im Waisenhaus ist diszipliniert und verläuft nach festen Regeln, die auch die Landesgepflogenheiten mit einbeziehen: So wird
auf dem Boden geschlafen und, am Boden sitzend, mit den Fingern gegessen. Freizeit gibt es wenig; Freiheiten, wie sie Kinder und Jugendliche
in den westlichen Ländern kennen, sind in Indien undenkbar. Im Aufenthaltsraum gibt es zwar einen Fernseher, der jedoch nur selten benutzt
werden darf.
Die fünf jüngsten Kinder besuchen den Kindergarten, der sich in der NEST-Schule neben dem Waisenhaus befindet. Die älteren werden mit dem
NEST-Bus zu den Schulen in Lalgudi gebracht.
Da der Kontrast zwischen dem schmucken neuen Waisenhaus und der armen Umgebung auf die Dorfbewohner vielleicht erdrückend wirken könnte,
sind wir froh, dass auch diese direkt und indirekt vom „Haus des Guten Hirten“ profitieren: So ist der Besuch der NEST-Schule kostenlos,
und einige Dorfkinder erhalten kostenlos Essen. Zusätzlich fördern wir ein Existenzgründungsprogramm für 50 Mütter mit ihren Kindern.
Beim Bau des Waisenhauses waren lokale Unternehmer und über 30 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt, die durch diese Arbeit für mehr als
zehn Monate lang in Lohn und Brot standen.
Wir haben die Verantwortung für die Kinder des Waisenhauses übernommen, d. h. dass wir für ihre Betreuung bis ins Erwachsenenalter aufkommen
werden. Für die älteren unter ihnen steht eine Berufsausbildung bereits nahe bevor.
Es besteht die Möglichkeit, nach der 10. bzw. 12 Klasse einen Beruf zu erlernen. In Lalgudi kann eine Handwerkslehre absolviert werden, die
zwei Jahre dauert. Nach Abschluss der 12. Klasse können die Jugendlichen das College für Technologie, Management, Architektur u. a. besuchen.
Die Hochschulen liegen im 20 km entfernten Tiruchchirapalli, das mit dem Zug erreichbar ist.
Da alle Schulabgänger auch nach dem Abschluss der Schule nach wie vor im Waisenhaus wohnen können, befinden sie sich weiterhin unter der
Obhut von Pfarrer Victor und dürfen bis zum Berufabschluss seine Hilfe in Anspruch nehmen.
Es liegt uns sehr am Herzen, den 65 Waisenkindern nicht nur die momentane Versorgung, sondern vor allem auch eine reelle Chance für ihr
zukünftiges Leben zu geben. Sie haben in ihrem jungen Leben schon viel verloren und verdienen eine bessere Zukunft.
Es gibt also noch viel zu tun! Neben der finanziellen Unterstützung werden in den kommenden Jahren auch regelmäßige Besuche in Indien nötig
sein, um unserem unermüdlichen Projektleiter S. Maria Victor für seine schwere, aber lohnende Aufgabe den Rücken zu stärken: 65 Mädchen und
Jungen wird er mit der Stiftung NEST versorgen, erziehen und ausbilden müssen.
Das Projekt ist auf unabsehbare Zeit auf unsere Hilfe angewiesen, die wir gern leisten wollen – getreu dem Motto aus Exupérys Buch „Der
Kleine Prinz“, dem wir uns verpflichtet fühlen:
„Du bist zeitlebens für das verantwortlich,
was du dir vertraut gemacht hast.“
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